Warum dauert der Monatsabschluss trotz digitaler Tools noch immer zu lange?
Sie haben ein modernes ERP eingeführt, ein Dokumentenmanagementsystem ist im Einsatz und die Rechnungen kommen per E-Mail – trotzdem zieht sich der Monatsabschluss über Tage, Abstimmungen laufen per Excel, und bei der Jahresabschlussprüfung müssen Sie manuell zusammensuchen, welche Freigabe wann von wem erteilt wurde – gerade wenn die Umstellung auf E-Rechnungen noch nicht Ende-zu-Ende umgesetzt ist.
Diese Situation ist kein Einzelfall. Viele Unternehmen haben einzelne Systeme digitalisiert, aber keine durchgängige digitale Transformation vollzogen. Das Ergebnis: neue Insellösungen, Medienbrüche zwischen Abteilungen und Systeme, die nicht miteinander sprechen. Die Folgen sind lange Durchlaufzeiten, fehlende Transparenz für Steuerungsentscheidungen und erhöhte Risiken in Compliance und Betrugsbekämpfung.
Genau hier setzt echte digitale Transformation an: Sie verbindet Technologie, Prozesse und Menschen zu einem durchgängigen, steuerbaren und auditfähigen Ganzen – mit messbarem Business Outcome.
Dieser Artikel richtet sich an CFOs, Leiterinnen und Leiter des Rechnungswesens, Digitalisierungs- und IT-Verantwortliche in öffentlicher Verwaltung, Banken, Automotive und Konzernen. Wir zeigen Ihnen, warum digitale Transformation mehr ist als Tool-Rollouts, wie Sie Ihren Business Case aufbauen, welche Prozesse den höchsten ROI liefern und wie Sie Zielarchitektur, Kontrollen und Change-Management von Anfang an richtig aufsetzen.
Am Ende erhalten Sie konkrete Handlungsempfehlungen, belastbare Benchmarks und eine praxisnahe Checkliste.
Was digitale Transformation wirklich bedeutet – und warum sie jetzt geschäftskritisch ist
Digitale Transformation ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Wandel von Technologie, Prozessen und Unternehmenskultur mit dem Ziel, messbare Geschäftsergebnisse zu erzielen.
Im Finance- und Verwaltungskontext bedeutet das konkret:
- Schnellere Entscheidungen auf Basis verlässlicher Near-Real-Time-Daten
- Durchgängige End-to-End-Prozesse statt isolierter Abteilungsoptimierung
- Auditfähige und nachweisbare Abläufe mit lückenlosem Audit Trail
- Höhere Resilienz bei gleichzeitig geringerem Key-Person-Risiko
Kurz gesagt: Digitale Transformation schafft die Grundlage dafür, dass Ihr Unternehmen bei Wachstum, Akquisitionen oder Reorganisationen skalierbar bleibt – ohne in Prozesschaos zu verfallen.
Drei zentrale Treiber für geschäftskritische Transformation
Cash und Working Capital: Je schneller Sie Rechnungen verarbeiten, Zahlungen freigeben und Forderungen einziehen, desto besser steuern Sie Days Payable Outstanding (DPO), Days Sales Outstanding (DSO) und Liquidität.
Risiko und Compliance: Regulierungen wie GoBD, ViDA oder branchenspezifische Vorgaben verlangen lückenlose Audit Trails, segregierte Verantwortlichkeiten und nachweisbare Kontrollen.
Geschwindigkeit und Skalierung: Märkte, Volumina und Komplexität wachsen – manuelle Prozesse skalieren nicht mit. Unternehmen, die heute isoliert digitalisieren, produzieren neue Komplexität. Unternehmen, die End-to-End transformieren, gewinnen Steuerbarkeit, Compliance und Tempo.
Abgrenzung: Digitalisierung ist nicht gleich Transformation
Digitalisierung bedeutet, Papier durch digitale Dateien zu ersetzen – etwa PDF-Rechnungen statt Papierbelege. Digitale Transformation geht weiter: Sie integriert Systeme, Daten und Kontrollen über den gesamten Prozess hinweg und schafft durchgängige Steuerbarkeit.
Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied: Eine digitalisierte Rechnung landet im DMS, wird manuell ins ERP übertragen, per E-Mail zur Freigabe geschickt und in Excel abgestimmt. Eine transformierte Rechnung wird automatisch erfasst, validiert, über Workflow freigegeben, gebucht, gezahlt und archiviert – mit lückenlosem Audit Trail und Echtzeit-Dashboards für CFO und Controller.
Der entscheidende Unterschied liegt im Connected Enterprise: Prozesse, Daten, Controls und Menschen greifen nahtlos ineinander.
Das Zielbild: Was digitale Transformation in Finance und Verwaltung leistet
Das Zielbild einer erfolgreichen digitalen Transformation im Finance-Bereich umfasst vier zentrale Dimensionen:
1. Schnellere Entscheidungen durch verlässliche Daten: CFOs benötigen keine weiteren Reports, sondern verlässliche Daten in nahezu Echtzeit – offene Posten, Cash-Position, Verbindlichkeiten, Abweichungen zum Plan. Das Ziel ist ein Control Tower, der auf Knopfdruck zeigt, wo Sie stehen, ohne manuell Excels zu konsolidieren.
2. Durchgängige End-to-End-Prozesse: Statt Abteilungen einzeln zu optimieren, werden Value Streams Ende-zu-Ende gesteuert – von der Bedarfsmeldung über Bestellung, Wareneingang, Rechnungseingang, Freigabe, Zahlung bis zur Archivierung. Medienbrüche verschwinden, Verantwortlichkeiten sind klar, Durchlaufzeiten sinken.
3. Auditfähige, nachweisbare Abläufe: Compliance by Design bedeutet: Kontrollen sind im Prozess und System verankert, Audit Trails lückenlos, Berechtigungen nachvollziehbar, Dokumentation revisionssicher. Das entlastet nicht nur bei der Prüfung, sondern senkt auch das Betrugsrisiko.
4. Höhere Resilienz und Skalierbarkeit: Klare Prozessverantwortung, dokumentierte Abläufe und automatisierte Controls reduzieren das Key-Person-Risiko. Bei Wachstum, Mergers & Acquisitions oder Reorganisation können Sie neue Einheiten schnell integrieren, ohne jedes Mal von vorn zu beginnen.
Kernbotschaft: Tool-Einführung ist nicht gleich Transformation
Viele Unternehmen glauben, mit der Einführung eines neuen ERP oder Workflow-Tools sei die Transformation erledigt. Das ist ein Irrtum. Entscheidend sind Zielarchitektur, Datenmodell, Kontrollmodell und Change-Management.
Ein System kann technisch perfekt sein – wenn Prozesse nicht standardisiert, Daten nicht sauber, Kontrollen nicht definiert und Mitarbeitende nicht befähigt sind, bleibt der Business Case aus. Digitale Transformation ist kein IT-Projekt, sondern ein Zusammenspiel von People, Process und Technology mit messbarem Outcome.
Den Business Case aufbauen: Baseline, Ziel-KPIs und Payback-Logik mit Benchmarks
Für CFOs und Finanzverantwortliche ist der Business Case die Grundlage jeder Transformationsentscheidung. Ohne klare Baseline, definierte Ziel-KPIs und realistische Payback-Rechnung bleibt jede Initiative ein Glücksspiel.
Die Baseline erfasst die Ist-Kosten pro Prozess: Was kostet Sie heute die Verarbeitung einer Rechnung, einer Zahlung, eines Antrags? Berücksichtigen Sie direkte Kosten wie FTE-Aufwand, IT-Kosten, externe Dienstleister sowie indirekte Kosten wie Nacharbeit, Fehlerquoten, Audit-Findings und verzögerte Skontoausnutzung.
Erheben Sie außerdem Volumina, Durchlaufzeiten und Fehlerquoten. Erst mit dieser Baseline können Sie Einsparungen und Verbesserungen quantifizieren.
Benchmarks als Orientierung
Typische Verarbeitungskosten und Durchlaufzeiten im Vergleich:
| Prozess | Manuell | Teilautomatisiert | Vollautomatisiert |
|---|---|---|---|
| Kosten pro Rechnung | 12-25 Euro | 5-10 Euro | 2-4 Euro |
| Durchlaufzeit Rechnung | 6-12 Tage | 3-5 Tage | 1-2 Tage |
| Touchless Rate | 0-20% | 40-60% | 60-80% |
| Monatsabschluss | 8-12 Tage | 5-7 Tage | 3-5 Tage |
| Fehlerquote | 5-15% | 2-5% | unter 2% |
| Skonto-Ausnutzung | 30-50% | 60-80% | über 90% |
Ziel-KPIs und Payback-Logik
Auf Basis der Baseline definieren Sie Ziel-KPIs. Typische Kennzahlen für digitale Transformation im Finance-Bereich sind:
- Touchless Rate: Anteil der Transaktionen, die ohne manuellen Eingriff durchlaufen
- Durchlaufzeit: Zeit von Rechnungseingang bis Zahlung oder von Antragseingang bis Bescheid
- First-Time-Right-Quote: Anteil fehlerfreier Vorgänge beim ersten Durchlauf
- Days Payable Outstanding (DPO) und Days Sales Outstanding (DSO): Working-Capital-Steuerung
- Close-Dauer: Zeit bis zum Monats- oder Quartalsabschluss
- Anzahl manueller Buchungen und Reklamationsquote
Diese KPIs sollten nicht nur technisch gemessen, sondern auch mit Business-Zielen verknüpft werden: schnellere Liquidität, geringere Fehlerkosten, bessere Compliance.
Die Payback-Logik kombiniert drei Elemente:
- Einsparungen: reduzierter FTE-Aufwand, weniger Nacharbeit und geringere Fehlerquoten
- Vermiedene Risiken: weniger Betrug, weniger Audit-Findings und keine Strafen
- Working-Capital-Effekte: schnellere Skontoausnutzung, kürzere DSO und optimierte DPO
Hinzu kommen IT-TCO-Effekte durch Standardisierung und Konsolidierung. Zur Priorisierung nutzen Sie eine Portfolio-Matrix: Business Value × Aufwand × Risiko × Abhängigkeiten.
Die Leitfrage lautet: Welche ein bis zwei Prozesse liefern den höchsten ROI bei geringstem Risiko und geringsten Abhängigkeiten? Starten Sie mit einem Piloten, messen Sie die Ergebnisse, standardisieren Sie und skalieren Sie – ohne die Zielarchitektur zu opfern.
Fokusprozesse für digitale Transformation im Finance-Bereich
Nicht jeder Prozess hat die gleiche Hebelwirkung. Im Finance-Kontext kristallisieren sich fünf Fokusprozesse heraus, die besonders hohen Nutzen bei vertretbarem Aufwand bieten.
1. Procure-to-Pay (P2P)
Procure-to-Pay (P2P) ist der klassische Hebel: Von der Bedarfsmeldung über Bestellung, Wareneingang, Rechnungseingang, Freigabe bis zur Zahlung und Archivierung. Hier entstehen häufig Medienbrüche, manuelle Abstimmungen und Compliance-Lücken.
Eine End-to-End-Transformation reduziert Touchpoints, verkürzt Durchlaufzeiten, ermöglicht Skontoausnutzung und schafft lückenlose Audit Trails. Typische Kontrollpunkte sind Lieferantenanlage, Bankdatenänderung, 3-Way-Match und Freigabegrenzen.
2. Order-to-Cash (O2C)
Der zweite Fokusprozess ist Order-to-Cash (O2C): Von der Auftragserfassung über Lieferung, Rechnungsstellung, Mahnwesen bis zum Zahlungseingang und der Abstimmung. O2C steuert Cash und Forderungen direkt und ist damit für CFOs hochrelevant.
Kontrollpunkte umfassen Kreditlimit-Prüfung, Preis- und Rabattfreigaben, Storno-/Gutschrift-Handling und Mahnlogik.
3. Zahlungsverkehr
Der dritte Fokusprozess ist der Zahlungsverkehr als kritischer Endpunkt: Hier entscheidet sich Betrugsbekämpfung, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit. Payment Controls umfassen Vier-Augen-Prinzip, Freigabe-Workflows, Limits, Cutoff-Zeiten und sichere Übertragungskanäle.
4. Record-to-Report (R2R)
Der vierte Fokusprozess ist Record-to-Report (R2R): Vom Buchen über Abstimmen, Abgrenzen bis zum Abschluss und Reporting. R2R ist die Basis für schnelle Abschlüsse und Governance. Ziel ist die Reduktion manueller Buchungen, automatisierte Abstimmungen und echtzeitnahe Abschlussberichte.
5. Stammdatenmanagement
Der fünfte Fokus liegt auf Stammdatenmanagement: Lieferanten, Kunden, Bankverbindungen, Konten, Verträge. Stammdaten sind die Kontroll- und Qualitätsgrundlage aller Prozesse.
Dubletten, fehlende Validierungen und unklare Verantwortlichkeiten führen zu Fehlern, Betrug und Audit-Findings. Eine saubere Stammdatenstrategie mit Single Source of Truth, Pflichtfeldern, Validierungen und klarem Ownership ist unverzichtbar.
Kernprobleme diagnostizieren: Medienbrüche, fehlende Verantwortlichkeiten und Datenqualität
Bevor Sie in Lösungen investieren, müssen Sie die Kernprobleme präzise diagnostizieren. Drei Fragen helfen dabei:
1. Wo entstehen Medienbrüche?
Typische Schwachstellen sind:
- E-Mail-basierte Freigaben
- PDF-Downloads und manuelle Excel-Uploads
- Systemwechsel ohne automatische Datenübergabe
- Fehlende Schnittstellen zwischen ERP, DMS und Workflow-Tools
2. Wo fehlen Verantwortlichkeiten?
Sind Process Owner, Control Owner und Data Owner klar benannt? Gibt es RACI-Matrizen für kritische Prozesse? Werden Kontrollen regelmäßig rezertifiziert?
Ohne klare Verantwortung entstehen Lücken, die weder Audit noch Betrugsbekämpfung standhalten.
3. Wie steht es um die Datenqualität?
Wert entsteht durch schnelles Sammeln, Validieren, Verarbeiten und Analysieren von Daten – nicht durch mehr Reports. Entscheidend ist die Single Source of Truth: ein zentrales Datenmodell mit klaren Datenobjekten und eindeutigen Definitionen für Lieferant, Rechnung, Zahlung, Kunde.
Datenqualität wird durch Dubletten-Checks, Validierungen, Pflichtfelder, Referenzdaten und Versionierung sichergestellt.
Reporting und Analytics müssen CFO-tauglich sein: Cash-Position, Verbindlichkeiten, offene Posten, Abweichungen – keine Excel-Statusabfragen mehr, sondern echtzeitnahe Dashboards.
Integration und Technologie: CFO-Sicht auf Entscheidungskriterien und Betriebsmodelle
Automatisierung reduziert Fehler, Eskalationen und Durchlaufzeiten – aber nur dort, wo Prozesse standardisiert und Daten sauber sind.
Robotic Process Automation (RPA) sollte nur als Übergangslösung dienen, wo Prozess- oder Integrationsanpassungen kurzfristig nicht umsetzbar sind. RPA als Dauerkrücke produziert technische Schuld und Wartungsaufwand.
Ziel ist ein integrierter Technologie-Stack, der folgende Komponenten nahtlos verbindet:
- ERP/Finance-Core
- Elektronische Rechnungsstellung
- Workflow-Engine
- DMS/Archiv
- BI/Analytics
- Integrationsschicht
- Identity & Access Management
Cloud- oder Hybrid-Architekturen sind dabei pragmatische Enabler: Sie ermöglichen schnellere Bereitstellung, Skalierung, Security-Services und Standardisierung – ohne alles auf einmal umstellen zu müssen.
Entscheidungskriterien für CFOs
Bei der Tool-Auswahl und Architektur-Entscheidung sind folgende Kriterien entscheidend:
Total Cost of Ownership (TCO): Nicht nur Lizenzkosten, sondern auch Betrieb, Wartung, Updates, Support und Anpassungen über fünf Jahre betrachten.
Kontrollfähigkeit und Prüfzugang: Kann die Lösung Audit Trails lückenlos liefern? Sind Berechtigungen granular steuerbar? Haben Prüfer direkten Lesezugriff ohne Medienbruch?
Betriebsmodell und SLAs: Wer betreibt was (intern/extern)? Welche Verfügbarkeit und Reaktionszeiten sind garantiert? Wie werden Incidents und Changes gesteuert?
Datensouveränität und Vendor Lock-in: Wo liegen die Daten? Sind Export-/Migrationspfade offen? Wie abhängig werden Sie von einem Anbieter?
Integrationsarchitektur und Non-Functional Requirements
Die Integrationsarchitektur muss klaren Anforderungen genügen: API-First ist Standard, Event-Driven-Architecture sinnvoll für asynchrone Prozesse wie Statusänderungen bei Rechnungen oder Zahlungen.
Definieren Sie je Schnittstelle klare Service Level Objectives (SLO): Verfügbarkeit, Latenz, Durchsatz. Beispiel P2P-Integration ERP zu eInvoicing-Plattform: 99,5 Prozent Verfügbarkeit, max. fünf Sekunden Antwortzeit, 10.000 Rechnungen pro Tag.
Monitoring und Observability müssen von Anfang an mitgedacht werden – nicht nur Logs, sondern End-to-End-Tracing über alle Systeme hinweg.
Security-Architektur umfasst Secrets Management, HSM für Signaturen/Verschlüsselung, Key-Management, mTLS für Schnittstellen und Zero Trust Network Access. Für kritische Zahlungsprozesse ist ein Hardware Security Module Stand der Technik.
Typische Systemlandschaften
In mittelgroßen bis großen Unternehmen finden sich folgende Komponenten:
- ERP: SAP S/4HANA, Oracle Cloud, Microsoft Dynamics 365
- DMS/Archiv: DocuWare, d.velop, OpenText
- eInvoicing-Plattform: Basware, Tradeshift, Pagero
- Workflow-Engine: Camunda, ServiceNow, eigene Low-Code
- Payment-Integration: EBICS für SEPA, SWIFT für international, PSP für Karten
- BI/Analytics: Power BI, Tableau, SAP Analytics Cloud
Diese Systeme müssen über eine Integrationsschicht orchestriert werden – entweder über Enterprise Service Bus, API Gateway oder moderne iPaaS-Lösungen. Wichtig: jede Schnittstelle braucht einen klaren Owner, Schnittstellenvertrag, Versionierung und Monitoring.
Regulatorik konkret: GoBD, ViDA und was das für Prozesse bedeutet
Regulatorische Anforderungen sind keine Nebenbedingung, sondern harte Constraints für Architektur und Prozess.
GoBD (Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern)
GoBD verlangt: Unveränderbarkeit, Nachvollziehbarkeit, Vollständigkeit, Verfügbarkeit, Ordnung und Verfahrensdokumentation.
Konkret bedeutet das für Ihren Rechnungseingang:
- Originalbelege müssen revisionssicher archiviert werden (DMS mit Zeitstempel/Versionierung)
- Änderungen müssen protokolliert werden (Audit Trail)
- Verfahrensdokumentation muss beschreiben, wie Rechnungen erfasst, geprüft, freigegeben, gebucht und archiviert werden
- Zugriff für Prüfer muss jederzeit gewährleistet sein (keine Daten auf lokalen Festplatten oder Excel-Listen)
ViDA (VAT in the Digital Age)
ViDA ist die EU-Initiative zur Digitalisierung der Mehrwertsteuer. Ab voraussichtlich 2028 wird elektronische Rechnungsstellung (E-Invoicing) EU-weit verpflichtend – ähnlich wie bereits in Italien (FatturaPA), Frankreich (Factur-X/Chorus Pro) oder Spanien (Facturae).
Konkret bedeutet das:
- Ausgangsrechnungen müssen in strukturiertem Format (z. B. XRechnung, Peppol BIS, Factur-X) erstellt und über zertifizierte Plattformen übermittelt werden
- Eingangsrechnungen müssen automatisiert verarbeitet werden können – kein manuelles Abtippen mehr
- Echtzeit-Meldung von Transaktionen an Finanzbehörden wird schrittweise kommen (ähnlich wie SAF-T oder Continuous Transaction Controls)
- Integration mit nationalen Plattformen und Archivierung nach länderspezifischen Vorgaben sind Pflicht
Was das für Ihre Architektur bedeutet
Für Ihre Architektur bedeutet ViDA: Sie brauchen eine eInvoicing-fähige Lösung mit Anbindung an Peppol-Netzwerk oder nationale Plattformen, strukturierte Datenmodelle (UBL, CII, XRechnung-Standard), automatisierte Validierung (Pflichtfelder, USt-ID, Rechnungsnummer-Logik) und revisionssichere Archivierung mit Zeitstempel.
Wenn Sie international tätig sind, müssen Sie länderübergreifend orchestrieren: Italien verlangt FatturaPA via SdI, Frankreich Chorus Pro, Deutschland XRechnung für öffentliche Auftraggeber.
DSGVO und Datenschutz verlangen zusätzlich Minimierung, Zweckbindung, Berechtigungen, Protokollierung und ein Lösch-/Aufbewahrungskonzept. Business Continuity Management (BCM) stellt sicher, dass Zahlungsverkehr und kritische Finanzprozesse auch im Notfall weiterlaufen – mit definierten RTO- und RPO-Zielen.
Governance, Kontrollen und Risikomanagement: ICS, SoD und Betrugsbekämpfung
Für CFOs und Compliance-Verantwortliche ist die Verankerung von Kontrollen im Prozess und System entscheidend.
Internal Control System (ICS)
Das Internal Control System (ICS) definiert präventive und detektive Kontrollen für jeden kritischen Prozess. Segregation of Duties (SoD) stellt sicher, dass keine Person gleichzeitig Transaktionen auslösen und freigeben kann. Ein sauberes Rollenmodell mit SoD-Checks und Rezertifizierung ist Pflicht.
Kontrollpunkte im P2P-Prozess umfassen:
- Lieferantenanlage
- Bankdatenänderung
- 3-Way-Match
- Freigabegrenzen
- Ausnahmehandling
Im O2C-Prozess sind kritisch:
- Kreditlimit
- Preis-/Rabattfreigaben
- Stornos/Gutschriften
- Mahnlogik
- Zahlungseingangszuordnung
Im Payment-Bereich müssen implementiert sein:
- Vier-Augen-Prinzip
- Freigabe-Workflows
- Limits
- Cutoff-Zeiten
- Sichere Übertragungskanäle
Betrugsrisiken und Fraud-Prevention
Konkrete Fraud-Risiken umfassen:
- Fake-Supplier
- CEO-Fraud
- IBAN-Änderungen
- Doppelzahlungen
- Rechnungssplitting
- Refund-Fraud
Fraud-Prevention erfordert Anomalieerkennung, Sperrlisten, Validierung von Bankverbindungen, Lieferanten-Verifikation und Maker-Checker-Prinzipien.
Der Audit Trail muss lückenlos sein: Wer hat was wann warum getan? Revisionssichere Protokolle nach GoBD oder vergleichbaren Standards sind Pflicht. Datenschutz und DSGVO verlangen Minimierung, Zweckbindung, Berechtigungen, Protokollierung und ein Lösch-/Aufbewahrungskonzept.
Change-Management und Enablement: Menschen mitnehmen, nicht überrollen
Technologie und Prozesse sind nur die halbe Miete. Über 70 Prozent des Projekterfolgs hängen von der Akzeptanz und Befähigung der Menschen ab.
Change-Prinzipien
Change-Prinzip 1: Beteiligung statt Top-Down-Rollout. Binden Sie Key User, Process Owner und Fachabteilungen frühzeitig ein – durch Workshops, Shadowing und Feedback-Schleifen.
Change-Prinzip 2: Entlastung im Alltag als Hauptargument. Zeigen Sie konkret, wie Transformation weniger Klicks, weniger Abstimmungen und weniger Nacharbeit bedeutet. Niemand will Veränderung um der Veränderung willen – aber jeder will weniger Frust und mehr Zeit für wertschöpfende Aufgaben.
Enablement und Support
Enablement erfolgt durch rollenbasierte Trainingspfade: für Anwender, Key User, Admins, Auditoren und Approver. Trainings müssen praxisnah sein, mit echten Szenarien aus dem eigenen Prozess.
Nach Go-live braucht es ein stabiles Supportmodell, regelmäßige KPI-Reviews und ein Backlog für kontinuierliche Verbesserung. Feedbackschleifen und Release-Zyklen stellen sicher, dass die Lösung mit den Anforderungen mitwächst.
Digitale Transformation ist kein einmaliges Projekt, sondern eine Reise – mit klaren Etappen, messbaren Erfolgen und kontinuierlicher Optimierung.
Umsetzung in fünf Schritten: Vom Zielbild bis Run & Improve
Eine strukturierte Umsetzung folgt fünf Schritten, die sich an bewährten Vorgehensweisen orientieren.
Schritt 1: Zielbild und Roadmap
Definieren Sie Business-Ziele, Zielarchitektur, Roadmap, Budget, Risiken und Governance. Wer verantwortet die Transformation? Wie wird entschieden? Welche Prioritäten gelten? Dokumentieren Sie dies in einem Master Plan oder Digital Finance Blueprint.
Schritt 2: Ist-Aufnahme
Erfassen Sie Ist-Prozesse, Systeme, Daten, Rollen und Kontrollen. Kritisch prüfen heißt nicht, den Ist-Zustand nachzubauen, sondern Schwachstellen und Optimierungspotenziale zu identifizieren.
Schritt 3: Design und Tool-Entscheidung
Gestalten Sie To-be-Prozesse, Datenmodell, Kontrollmodell (ICS/SoD) und Integrationsdesign. Wählen Sie Tools auf Basis langfristigen Fits, nicht kurzfristiger Feature-Checklisten.
Mindestkriterien für CFO/Compliance:
- Audit Trail
- Berechtigungen/SoD
- Archivierung
- Export/Prüferzugang
Mindestkriterien für IT:
- API/Integration
- Monitoring
- Security-Standards
- Mandantenfähigkeit
- Skalierung
- Roadmap
Dokumentieren Sie Anforderungen im Lastenheft mit Use Cases, Volumina, Rollen, Freigaben, Kontrollen, Datenobjekten, SLAs und Abnahmekriterien.
Schritt 4: Build und Deploy
Konfigurieren oder entwickeln Sie die Lösung, migrieren Sie Daten, testen Sie umfassend (inkl. Kontrolltests), trainieren Sie die Anwender und führen Sie den Cutover kontrolliert durch. Testfälle und Kontrolltests (ICS) müssen von Anfang an dokumentiert sein.
Schritt 5: Run und Improve
Betreiben Sie die Lösung nach definierten SLOs, führen Sie regelmäßige KPI-Reviews durch, reagieren Sie auf Audits und optimieren Sie kontinuierlich. Incident-, Problem- und Change-Management sowie klare Verantwortlichkeiten zwischen Fachbereich, IT und Anbietern sind entscheidend.
Messbarkeit und Showcases: Vorher–Nachher konkret mit Kontext
KPIs klein starten und später erweitern – das ist der Reifegradansatz. Drei Vorher–Nachher-Szenarien verdeutlichen den Nutzen.
Szenario 1: Rechnungseingang in mittelständischem Industrieunternehmen, 15.000 Rechnungen pro Jahr
Vorher: Rechnung per E-Mail, manueller Download, Erfassung im ERP, Ausdruck zur Freigabe, manuelle Verbuchung, Excel-Abstimmung. Durchlaufzeit acht Tage, Touchless Rate null Prozent, Kosten pro Rechnung 18 Euro.
Nachher: Rechnung wird automatisch erfasst, validiert, über Workflow freigegeben, gebucht und archiviert. Durchlaufzeit 1,5 Tage, Touchless Rate 75 Prozent, Kosten pro Rechnung vier Euro. Einsparung: 210.000 Euro pro Jahr, ROI in 18 Monaten.
Szenario 2: Zahlungsfreigabe in Bank, 50.000 Zahlungen pro Monat
Vorher: Manuelle Freigabe per E-Mail, keine Limitprüfung, kein Audit Trail, drei Tage Durchlaufzeit, fünf Betrugs-Vorfälle pro Jahr mit Schaden 120.000 Euro.
Nachher: Kontrollierte Freigabe mit Limits, Vier-Augen-Prinzip, Betrugs-Checks und lückenlosem Audit Trail, 0,5 Tage Durchlaufzeit, null Betrugs-Vorfälle im ersten Jahr. Einsparung: zwei FTE plus vermiedene Betrugsschäden, ROI in zwölf Monaten.
Szenario 3: Antrag in öffentlicher Verwaltung, 8.000 Anträge pro Jahr
Vorher: Papierantrag, manuelle Erfassung, Postweg, Medienbrüche, keine Nachweise, 25 Tage Durchlaufzeit.
Nachher: Digitaler Antrag, automatische Validierung, durchgängiger Workflow, Statusverfolgung, revisionssichere Archivierung, zehn Tage Durchlaufzeit. Einsparung: drei FTE plus deutlich höhere Bürgerzufriedenheit.
Mini-Case und Self-Service-Kanal
Ein Mini-Case aus dem Mittelstand zeigt: Ein wachsendes Unternehmen skalierte ohne neues Chaos durch Standardprozesse, klare Daten und verankerte Controls. Ein Service-/Lieferantenportal als Self-Service-Kanal reduzierte Rückfragen um 60 Prozent und verbesserte Transparenz und Zufriedenheit.
Diese Zahlen sind realistisch, aber keine Garantie – sie hängen vom Ausgangsniveau, Prozessreife, Volumen und konsequenter Umsetzung ab. Wichtig ist, die eigenen Baseline-Werte zu erheben und den Fortschritt kontinuierlich zu messen.
Typische Hürden und wie Sie sie überwinden
Jede digitale Transformation trifft auf Hürden. Hier die wichtigsten und ihre Gegenmittel:
- Hürde 1: Historisch gewachsene Systemlandschaft plus Schatten-Excel – Gegenmittel: Zielarchitektur definieren, Integration Layer einsetzen, Datenownership klären
- Hürde 2: Unklare Prozess- und Kontrollverantwortung – Gegenmittel: Process Owner, Control Owner und RACI-Matrizen etablieren
- Hürde 3: Wir bauen den Ist-Zustand nach – Gegenmittel: To-be nach Business Outcome und Standardisierung gestalten, nicht nach historischem Wildwuchs
- Hürde 4: KPIs kommen später – Gegenmittel: Baseline und Zielwerte vor Projektstart definieren, regelmäßige Reviews ab Pilot
- Hürde 5: Change ist nur Kommunikation – Gegenmittel: Enablement, Key User, messbare Entlastungen, stabiles Supportmodell
- Hürde 6: Zu große Programme ohne Etappen – Gegenmittel: MVP, Releases, Pilot-to-Scale, klare Abhängigkeiten steuern
Diese Hürden sind kein Schicksal, sondern vermeidbar – wenn Sie von Anfang an strukturiert, pragmatisch und mit klarem Zielbild vorgehen.
Checkliste für CFO und IT: Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
Abschließend eine kompakte Checkliste, die Sie als Leitfaden nutzen können:
- Ziele: Business-Ziele definiert, mit Stakeholdern abgestimmt, messbar formuliert
- Baseline: Ist-Kosten pro Prozess erfasst, Volumina, Durchlaufzeiten, Fehlerquoten dokumentiert
- Ziel-KPIs: Touchless Rate, Durchlaufzeit, First-Time-Right, DPO/DSO, Close-Dauer, manuelle Buchungen definiert
- Prioritäten: Portfolio-Matrix erstellt, ein bis zwei Prozesse mit höchstem ROI und geringstem Risiko identifiziert
- Zielarchitektur: Tech Stack, Integration Layer, Cloud/Hybrid, Standardisierung vs. Individualisierung entschieden
- Datenmodell: Single Source of Truth, Datenobjekte, Validierungen, Ownership definiert
- ICS/SoD: Kontrollen in Prozess und System verankert, Rollenmodell, SoD-Checks, Rezertifizierung etabliert
- Toolkriterien: Audit Trail, Berechtigungen, Archivierung, API, Monitoring, Security, Roadmap geprüft
- TCO und Betriebsmodell: Fünf-Jahres-TCO berechnet, Betriebsverantwortlichkeiten (intern/extern) geklärt, SLAs definiert
- Regulatorik: GoBD-Anforderungen geprüft, ViDA-Roadmap berücksichtigt, länderspezifische Vorgaben dokumentiert
- Migration: Ownership, Datenqualität, Cutover-Plan, Validierung, Parallelbetrieb wo nötig
- Tests: Regression, UAT, Testdaten, Controls (SoD, Freigaben, Audit Trail) getestet
- Betrieb: Incident/Problem/Change, SLOs, Verantwortlichkeiten zwischen Fach, IT, Anbieter geklärt
- Change: Key User, Trainings, Supportmodell, Feedbackschleifen, KPI-Reviews etabliert
Fazit und Handlungsempfehlung: Wer End-to-End transformiert, gewinnt Steuerbarkeit, Compliance und Geschwindigkeit
Die digitale Transformation ist für CFOs, Finanzverantwortliche und IT-Leiter keine Option mehr, sondern geschäftskritisch. Wer isoliert digitalisiert, ersetzt Papier durch PDF – und produziert neue Komplexität. Wer End-to-End transformiert, verbindet Technologie, Prozesse und Menschen zu einem steuerbaren, auditfähigen und skalierbaren Ganzen.
Das Zielbild ist klar: schnellere Entscheidungen auf Basis verlässlicher Daten, durchgängige Prozesse ohne Medienbrüche, verankerte Kontrollen und höhere Resilienz. Der Weg dorthin ist strukturiert: Zielbild und Business Case definieren, Baseline und Ziel-KPIs festlegen, Fokusprozesse priorisieren, Zielarchitektur und Datenmodell gestalten, Kontrollen verankern, Menschen befähigen, messen und kontinuierlich verbessern.
Unsere Empfehlung: Starten Sie klein, aber mit klarem Zielbild. Wählen Sie ein bis zwei Prozesse mit hohem ROI und geringem Risiko, bauen Sie einen Piloten, messen Sie Erfolge und skalieren Sie. Wenn Sie dafür externe Unterstützung benötigen, kann eine E-Rechnung-Beratung helfen, Anforderungen, Zielarchitektur und Compliance von Anfang an sauber zu verzahnen.
Digitale Transformation ist kein Sprint, sondern eine Reise – aber eine, die sich messbar auszahlt: in Cash, Compliance, Steuerbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Beginnen Sie heute, und gestalten Sie die Zukunft Ihres Unternehmens aktiv mit.
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