Die Diskrepanz zwischen dem, was wir tun müssen, und dem, was wir eigentlich denken, kennt jeder Führungsverantwortliche. Besonders in der öffentlichen Verwaltung und in Unternehmen entstehen täglich Situationen, in denen Entscheidungsträger Maßnahmen umsetzen müssen, die nicht vollständig ihrer persönlichen Überzeugung entsprechen. Das Forced Compliance Experiment von Leon Festinger und James Carlsmith aus dem Jahr 1959 liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie Menschen mit solchen Konflikten umgehen – und welche überraschenden psychologischen Mechanismen dabei wirken.
Im berühmten Forced Compliance Paradigma ließen die Forscher Probanden eine Stunde lang extrem langweilige Aufgaben erledigen – sie sollten Holzklötzchen auf einem Brett drehen, eines nach dem anderen. Anschließend wurden die Teilnehmer gebeten, einem wartenden "Nachfolger" zu erzählen, die Aufgabe sei interessant gewesen. Für diese kleine Lüge erhielten sie entweder 1 Dollar oder 20 Dollar.
Das verblüffende Ergebnis: Die Probanden, die nur 1 Dollar erhielten, bewerteten die langweilige Aufgabe im Nachhinein als deutlich interessanter als diejenigen, die 20 Dollar bekommen hatten. Warum? Die Forced Compliance Paradigma-Theorie erklärt es so: Wer wenig Belohnung für sein widersprüchliches Verhalten erhält, muss seine innere Einstellung ändern, um die kognitive Dissonanz zu reduzieren.
Für CFOs, IT-Leiter und Digitalisierungsverantwortliche ist dieses Phänomen hochrelevant. Wenn neue Compliance-Richtlinien, Digitalisierungsprojekte oder Organisationsstrukturen eingeführt werden müssen, stehen Führungskräfte oft vor der Herausforderung, Maßnahmen zu vertreten, von denen sie nicht vollständig überzeugt sind.
Das Forced Compliance Experiment zeigt: Je weniger externe Rechtfertigung für das widersprüchliche Verhalten vorhanden ist, desto stärker neigen Menschen dazu, ihre Einstellung zu ändern. In der Unternehmenspraxis bedeutet das:
Ein IT-Leiter muss eine neue Software einführen, die er technisch für suboptimal hält. Erhält er vom Vorstand umfangreiche Unterstützung, Zusatzbudget und Anerkennung, bleibt seine kritische Haltung bestehen. Muss er die Einführung jedoch mit knappen Ressourcen und wenig Rückendeckung durchziehen, entwickelt er möglicherweise eine positivere Einstellung zur Software – ein klassischer Forced Compliance Paradigma-Effekt.
Eine Abteilungsleiterin in der öffentlichen Verwaltung muss neue Datenschutzrichtlinien implementieren, die sie für überzogen hält. Erhält sie wenig externe Unterstützung oder Zusatzpersonal, wird sie eher dazu neigen, die Richtlinien nachträglich als sinnvoll zu bewerten, um die innere Dissonanz zu reduzieren. Hierbei spielt oft auch das Thema Informationssicherheit eine Rolle, wenn neue Sicherheitsstandards gegen gewohnte Arbeitsabläufe durchgesetzt werden müssen.
Eine großangelegte Replikationsstudie aus dem Jahr 2024 mit fast 4.900 Teilnehmern aus 39 Laboren in 19 Ländern stellt allerdings die klassischen Erkenntnisse des Forced Compliance Experiment in Frage. Die Forscher um David C. Vaidis und Willem W. A. Sleegers fanden heraus, dass Einstellungsänderungen unabhängig davon auftraten, ob die Teilnehmer sich frei entschieden oder unter Zwang handelten.
"Viele der etablierten Erkenntnisse aus der Literatur zur kognitiven Dissonanz stammen aus Studien, die Jahrzehnte alt sind und nicht nach heutigen Best Practices durchgeführt wurden", erklärt Sleegers. Diese Erkenntnis sollte Führungskräfte zum Nachdenken anregen: Möglicherweise sind die psychologischen Mechanismen bei Compliance-Prozessen komplexer als bisher angenommen. Als erfahrene Unternehmensberatung Frankfurt begleiten wir Kunden dabei, solche psychologischen Hürden bei strukturellen Veränderungen zu meistern.
Statt darauf zu hoffen, dass Mitarbeiter ihre Einstellung automatisch anpassen, sollten Führungskräfte bewusste Reflexionsprozesse initiieren. Regelmäßige Reviews und offene Diskussionen über neue Prozesse helfen dabei, echte Überzeugung zu entwickeln statt nur oberflächliche Anpassung.
Das Forced Compliance Paradigma zeigt: Wenn Menschen das Gefühl haben, frei zu entscheiden, können andere psychologische Mechanismen greifen. Beziehen Sie Ihr Team in Entscheidungsprozesse ein, auch wenn das Endergebnis bereits feststeht.
Erklären Sie offen, warum bestimmte Maßnahmen umgesetzt werden müssen, auch wenn sie nicht optimal erscheinen. Diese "externe Rechtfertigung" kann helfen, kognitive Dissonanz zu vermeiden, ohne dass Mitarbeiter ihre Grundüberzeugungen aufgeben müssen.
Besonders bei Digitalisierungsprojekten entstehen häufig Forced Compliance Experiment-Situationen. Mitarbeiter müssen neue Tools verwenden, auch wenn sie die alten Systeme bevorzugen. Eine professionelle digitale Transformation Beratung hilft dabei, diese Übergänge so zu gestalten, dass die Akzeptanz von Beginn an hoch ist. IT-Leiter implementieren Cloud-Lösungen, obwohl sie Sicherheitsbedenken haben. CFOs führen automatisierte Prozesse ein, auch wenn sie den menschlichen Faktor schätzen.
Die Erkenntnisse des Forced Compliance Paradigma legen nahe: Je weniger externe Unterstützung und Rechtfertigung diese Entscheidungsträger erhalten, desto eher werden sie ihre ursprünglich kritische Haltung überdenken und die neuen Lösungen nachträglich positiver bewerten.
Traditionelle Change-Management-Ansätze fokussieren oft darauf, Widerstand zu überwinden und Akzeptanz zu schaffen. Das Forced Compliance Experiment deutet darauf hin, dass manchmal weniger externe Intervention zu besseren langfristigen Ergebnissen führen kann.
Statt Mitarbeiter mit Argumenten zu überschütten, warum eine Änderung gut ist, könnte es effektiver sein:
Die Anwendung von Erkenntnissen des Forced Compliance Paradigma wirft ethische Fragen auf. Ist es vertretbar, bewusst darauf zu setzen, dass Mitarbeiter ihre Einstellungen ändern, um Dissonanz zu reduzieren? Oder sollten Führungskräfte stattdessen ehrlich kommunizieren und mit anhaltender Skepsis umgehen?
Eine ausgewogene Herangehensweise berücksichtigt beide Aspekte:
Die neueren Forschungsergebnisse mahnen zur Vorsicht bei der Anwendung klassischer Forced Compliance Experiment-Erkenntnisse. Nicht alle Einstellungsänderungen lassen sich durch kognitive Dissonanz erklären. Andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle:
Das Forced Compliance Experiment und seine moderne Neubewertung zeigen: Die Psychologie organisationaler Veränderungen ist komplexer, als frühe Theorien suggerierten. Für Führungskräfte in CFO-, IT- und Digitalisierungspositionen bedeutet das:
Erstens: Setzen Sie nicht ausschließlich auf automatische Einstellungsänderungen durch kognitive Dissonanz. Menschen sind komplexer, als das Forced Compliance Paradigma ursprünglich nahelegte.
Zweitens: Nutzen Sie die Erkenntnisse als einen von vielen Bausteinen im Change Management. Bewusste Reflexion, partizipative Prozesse und transparente Kommunikation bleiben unverzichtbar.
Drittens: Bleiben Sie aufmerksam für die tatsächlichen Reaktionen Ihrer Teams. Die beste Theorie ersetzt nicht die sorgfältige Beobachtung der individuellen und organisationalen Dynamiken.
In einer Zeit, in der Compliance-Anforderungen steigen, Digitalisierungsprojekte komplexer werden und Veränderungen schneller erfolgen müssen, hilft das Verständnis psychologischer Mechanismen dabei, menschlicher und effektiver zu führen. Das Forced Compliance Experiment erinnert uns daran, dass zwischen äußerem Handeln und innerer Überzeugung oft eine Brücke gebaut werden muss – und dass diese Brücke manchmal überraschende Formen annimmt.