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Grenzüberschreitender Zahlungsverkehr: SWIFT vs. Ripple

Status Quo im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ist seit rund fünf Jahrzehnten das SWIFTnet. Neue vielversprechende Technologien wie die Distributed-Ledger-Technologie (DLT – „Verteiltes Hauptbuch“ bzw. dezentrales Datenregister) bieten an, grenzüberschreitende Zahlungen nicht nur in Echtzeit, sondern kostengünstig und transparent abzuwickeln. Eine Variante von dezentralen Datenregistern ist die Blockchain („[unendlich lange] Kette von Blöcken [mit Informationen]“). Blockchain ist eine DLT, aber eine DLT ist nicht zwangsweise eine Blockchain. DLT versprechen aufgrund ihrer inhärenten kryptografischen Verschlüsselung, ihrer öffentlichen Verfügbarkeit und der Verifizierungsmechanik der Teilnehmer die Unveränderbarkeit der gespeicherten Daten. Durch Anforderungsanalysen von Akteuren des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs kristallisieren sich Anwendungsfälle heraus, die über den Transfer von Kryptowährung in öffentlichen dezentralen Datenregistern hinaus gehen. Mit dem Zahlungsnetzwerk RippleNet, hinter dem das amerikanische Technologie-Unternehmen Ripple Labs Inc. (Ripple) steht, strebt ein Wettbewerber im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr auf den Markt. Aber warum setzen sich innovative Zahlungsnetzwerke bislang nicht gegen etablierte internationale Zahlungsnetzwerke im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr durch?

Die Relevanz des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs

Hinter einer grenzüberschreitenden Zahlung steht in der Regel ein Import-/Exportgeschäft, bei dem ein Sachwert den Besitzer wechselt und entsprechend auch ein Geldwert transferiert wird. Eine physische Übergabe des Sachwerts liegt auf der Hand, eine physische Übergabe eines Geldwertes oder sonstiger Tauschwerte wäre jedoch kontraproduktiv. Kunden und Akteure drängen im Übertrag von physischen Werten auf ständige Verfügbarkeit bzw. Just-In-Time-Lieferung. Bei grenzüberschreitendem Zahlungsverkehr akzeptieren sie bislang noch Zeit- und Kostennachteile des SWIFTnet gegenüber den Lösungen von Wettbewerbern.

Abbildung 1: Geschäftsprozesse Import-/Export-Geschäfte

Status Quo: Der Übertrag von (Geld-) Werten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr im SWIFTnet

Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr wird der Faktor Geschwindigkeit aber immer wichtiger. Um relevante Anforderungen wie Sicherheit, Vertrauen und regulatorische Erfordernisse in bestehenden Systemen wie SWIFTnet zu gewährleisten sind ressourcen- und zeitintensive Prozesse seit Jahrzehnten Standard. Darüber hinaus erschwert der Einsatz sich unterscheidender und individueller Kernbankensysteme die Koordination und Abstimmung der Teilnehmer. Die hohen Transaktionskosten und Wechselkursrisiken fallen zum Nachteil der Zahlungsempfänger und -absender an. In den meisten Fällen versendet der Käufer einen Betrag in seiner Landeswährung, ohne zu wissen, welcher Betrag beim Zahlungsempfänger in dessen Landeswährung ankommt. Die Vorteile liegen jedoch offen auf der Hand, es handelt sich um ein etabliertes System, die Integration in diverse und individualisierte Systeme der Teilnehmer lässt sich über ein SWIFT-Gateway realisieren und die relevanten Buchungsinformationen verbleiben ausschließlich in Teilnehmerhand. Regulatorische Vorgaben lassen sich innerhalb des Systems standardisiert umsetzen und mit systemweiten Releases an alle Teilnehmer ausrollen. Bis dato hat sich keine Alternative zu SWIFT im geschäftlichen grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr durchsetzen können.

Abbildung 2: Grenzüberschreitende Zahlung unter Nutzung des SWIFTnet

SWIFT GPI

Mit der SWIFT global payments innovation (SWIFT gpi) versucht SWIFT durch den Einsatz neuer Technologien und Verbesserungen der bestehenden Technologien das eigene System grenzüberschreitender Transaktionen weiterzuentwickeln und unter anderem die Asynchronität zwischen Nachrichtenaustausch und Settlement in eine Synchronität zu überführen. Die 2015 angekündigte Initiative wurde im Februar 2017 im ersten Schritt ausgerollt, um Geschwindigkeit und Transparenz grenzüberschreitender Transaktionen zu erhöhen und somit die Transaktionskosten zu senken. Bis 2020 soll SWIFT gpi Standard im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr via SWIFT sein. Zahlungen sollen garantiert innerhalb eines Arbeitstages abgewickelt werden und mittels einer individuellen Tracking-Nummer nachverfolgt werden können. Die Entgelte und Wechselkurse sollen transparent dargestellt werden und bekannt sein. In einer zweiten Phase soll eine digitale Transformation folgen, die eine effiziente Automatisierung diverser Anforderungen, wie die Stornierung an jeder Stelle entlang des Transaktionspfades und Koordinierung regulatorischer Pflichten, ermöglichen. In einer dritten Phase sei der Einsatz innovativer Technologien, wie z.B. Blockchain, zu prüfen und gegebenenfalls umzusetzen. Im Rahmen eines Proof-of-Concept wurde der Einsatz der Blockchain-Technologie in Form der Hyperledger Fabric v 1.0 bereits untersucht.

Ob mit diesen Maßnahmen die bestehenden Nachteile ausgemerzt werden können, das Versprechen von Echtzeittransaktionen umgesetzt und insbesondere die Kosten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr nicht nur transparent gemacht, sondern auch erheblich gesenkt werden können, ist noch nicht hinlänglich beantwortet.

Disruptive Technologien: Distributed Ledger und Blockchain

Die Grundidee der DLT setzt auf ein Ausblenden bislang notwendiger zentraler Intermediäre und volle Transparenz im Zusammenhang mit dem Transfer von Werten in Form von Kryptowährungen (digitale Token) wie Bitcoin. Dieser disruptive Ansatz ist dem Einsatz im geschäftlichen Umfeld jedoch hinderlich. Eine Digitalisierung des globalen ökonomischen Systems mit freiem Zugang und voller Transparenz würde eine grundlegende Neuausrichtung des globalen Wirtschaftssystems bedeuten. Im Hinblick auf grenzüberschreitende Zahlungstransfers adressiert dies jedoch nicht die tatsächlichen Anforderungen der Akteure, die nicht nur rein finanzieller oder prozessualer Natur sind. Politische Entscheidungen, wie zum Beispiel Sanktionen, haben Einfluss auf das internationale Finanzsystem. Regulatorische Anforderungen und Kontrollmechanismen in der Geldwäschebekämpfung müssen umgesetzt werden. Unbeteiligte sollen nicht auf geheime Informationen einer in der öffentlichen Blockchain gespeicherten Transaktion zugreifen können bzw. der Zugang zu den enthaltenen Informationen muss transparent geregelt und reglementiert sein. Lediglich die Beteiligten sollen die Informationen kennen und müssen sicher sein, dass sie diesen vertrauen können. Private-Blockchains beziehungsweise nicht-öffentliche DLTs, die auf den Einsatz der Technologie setzen, aber ein abgegrenztes Teilnehmerfeld definieren und eine Regulierung ermöglichen, versuchen die Nachteile eines öffentlichen Datenregisters und Anforderungen der Teilnehmer zu berücksichtigen. DLTs werden lediglich als neue Technologie für eine effiziente Form der Informationsspeicherung und -teilung genutzt.

Der SWIFT-Herausforderer: RippleNET

Das auf einem Open-Source-Protokoll basierende Zahlungsnetzwerk RippleNet, des amerikanischen Technologie-Unternehmen Ripple Labs Inc. (Ripple) stellt ein Set von Produkten und Diensten zur Verfügung, das das bestehende SWIFT-System herausfordert. Das sogenannte RippleNet setzt sich zusammen aus den Services xCurrent, xRapid und xVia. Das RippleNet ist nicht zu verwechseln mit der digitalen Kryptowährung XRP. Trotz der simultan verwendeten Bezeichnung Ripple handelt es sich bei XRP um ein vom Unternehmen Ripple Labs Inc. unabhängiges Open-Source-Projekt basierend auf dem XRP-Ledger.

Abbildung 3: Übersicht der Dienste und Services im RippleNet

Die zur Auswahl stehenden Dienste des RippleNet können teilweise auch ohne Einsatz von XRP-Tokens genutzt werden. xCurrent ist ein Datenbank- und Kommunikationssystem, das den Währungstausch verschiedener Währungen, z.B. Dollar und Euro, aber auch Kryptowährungen ermöglicht. Es basiert auf einer privaten Distributed-Ledger-Technologie, dem Interledger-Protokoll (ILP). Das ILP ist eine dezentral administrierte Datenbank („Legder“) und steuert die Lese- und Schreib- und Zugangsrechte der Teilnehmer. xRapid ist eine technische Lösung zum Transfer von Werten mit dem Einsatz von XRP-Tokens. Werte werden in XRP getauscht um Währungstäusche im xCurrent-System in Echtzeit durchzuführen. xVia hingegen stellt eine Benutzeroberfläche und technische Schnittstelle zwischen dem xCurrent, xRapid und bestehenden dritten Systemen zur Verfügung. Ripple kooperiert mit Banken, Zentralbanken und Payment Providern, um den internationalen Zahlungsverkehr durch den Einsatz DLT-basierter Technologien weiterzuentwickeln. Das RippleNet stellt somit eine Alternative als grenzüberschreitendes Zahlungsverkehrssystem dar, das die Anforderungen der Akteure des internationalen Finanzsystems adressiert. Es besteht das Potential, nicht nur die Geschwindigkeit zu erhöhen, sondern auch die Transaktionskosten zu senken.

Das RippleNet steht vor der Herausforderung, den bestehenden Akteuren, trotz aller Zurückhaltung, die Technologie selbst und ihre Vorteile näher zu bringen und ist dabei vom Willen und Antrieb der Akteure selbst abhängig.

Fazit

Wenn DLTs so vielversprechend sind, warum ist das bestehende SWIFTnet nicht längst abgelöst? Neue und vermeintlich bahnbrechende Technologien müssen zunächst von potenziellen Nutzern in Gänze verstanden werden. Die Marktteilnehmer setzen sich mit der Technologie selbst, und ihrem Nutzen auseinander. Dies ist jedoch durch die Trägheit der einzelnen Akteure und die Vielschichtigkeit der Thematik zeit- und kostenaufwendig. Diese Komplexität ist nicht nur auf die Finanzbranche beschränkt, internationale politische Akteure haben einen großen Einfluss auf das internationale Finanzsystem. Kontrolle und Aufsicht, Gesetzgebungen und internationale Standardisierung, Sanktionen und geldwäscherechtliche Maßnahmen, sowie die Beachtung außenwirtschaftlicher Vorgaben müssen berücksichtigt werden. Die enge Verknüpfung der Technologie mit Kryptowährungen wie Bitcoin stößt nicht nur auf Gegenliebe, was insbesondere auch der Unkenntnis der Technologie, der Nicht-Differenzierung zwischen DLT, Blockchain, den mittlerweile mehr als 200 DLT-Protokollen und Kryptowährungen sowie der Gesamtkomplexität der Thematik geschuldet ist. Darüber hinaus liegt auf der Hand, dass die Akteure des internationalen Finanzsystems nur an einem Technologie-Wechsel interessiert sind, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen. Die Standardisierung des SWIFT-Systems ist ein erheblicher Vorteil, da alle relevanten globalen Akteure Teilnehmer sind und dank bekannter Prozesse auf die Funktionsweise vertrauen können. Der Vertrauensbeweis konkurrierender aufstrebender Systeme steht noch aus. Die Anzahl der Teilnehmer nimmt zwar zu, ist jedoch im Vergleich zum SWIFTnet noch gering und beschränkt sich in den meisten Fällen noch auf ein „Ausprobieren“ der neuen Technologie. SWIFT selbst greift die von Ripple adressierten Nachteile auf und versucht die eigenen Dienste durch Weiterentwicklung wettbewerbsfähig zu halten. Ziel beider Wettbewerber ist es, die Ineffizienzen des gegenwärtigen Systems zu beseitigen und auf die gestiegenen Anforderungen der globalisierten Wirtschaft und eng getakteter Prozesse entlang der (Financial)-Supply-Chain zu reagieren.

Die Dynamik in der Weiterentwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs wird weiter zunehmen und die bestehenden Akteure unter Druck setzen, innovativ zu bleiben und sich herausfordernden, aber nutzenbringenden Technologien zuzuwenden.

Als eines der führenden Beratungshäuser für Financial Supply Chain Management und als Experte für E-Rechnungen verfügt die Bonpago GmbH über umfassende Kenntnisse in Rechnungs- und Zahlungsprozessen. Gerne beraten wir Sie und unterstützen Sie bei der Optimierung Ihrer Prozesse und der Auswahl Ihrer Partner.

Norman Philipp
von Norman Philipp

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